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Beschwerdewelle der Grundschulen rollt!

Immer mehr Grundschulkollegien protestieren gegen ständig steigende Arbeitsbelastung

Lange konnte man im Kultusministerium davon ausgehen, dass sich die Spezies „Grundschullehrkraft“ dadurch auszeichnet, dass ihr das Wohl der Kinder über alles geht, auch über die eigene Belastbarkeit, über die eigene Gesundheit, über das eigene Privatleben. So wurden in den letzten zwei Jahrzehnten den Grundschulen immer neue Aufgaben zugewiesen – eine Berücksichtigung in der Arbeitszeitberechnung fanden alle diese Zeit und Nerven fordernden Tätigkeiten nicht.

Im Gegenteil: 1998 wurde das verpflichtende Arbeitszeitkonto eingeführt und damit den Grundschullehrkräften über 10 Jahre eine Unterrichtsverpflichtung von 29 Wochenstunden zugemutet. Ebenfalls
- 1998 begann die Umsetzung des Regionalen Integrationskonzepts (RIK) mit den Überprüfungs-
verfahren des sonderpädagogischen Förderbedarfs, Förderkonferenzen usw.

Seit dem gab es bis heute kaum ein Jahr ohne neue Anforderungen an die Schulen:

  • ab 2000: Einführung der verlässlichen Grundschulen (incl. der umfassenden und allseits bekannten PM-Problematik)
  • 2002: Aufnahme des Faches Englisch in die Stundentafel der GS (Kerncurriculum des MK wurde 2006 fertig gestellt)
  • 2003: Einführung der Eingangsstufe (freiwillig)
  • 2003: Einführung der vorschulischen Sprachförderung incl. Sprachfeststellungsverfahren
  • 2004: Abschaffung der Orientierungsstufe und damit Zuständigkeit der GS für Schullaufbahn-Empfehlungen incl. Elternberatungsgesprächen und Kooperation mit allen weiterführendenSchulen
  • 2005: Einführung der Schulinspektion mit der Forderung nach Schulprogramm, Schulprofil, schuleigenen Arbeitsplänen und Konzepten für alle Bereiche des Schullebens
  • 2006: Einführung der Vergleichsarbeiten (VERA)
  • 2006: Verpflichtung zur Dokumentation der individuellen Lernentwicklung
  • 2007: Start „Brückenjahr“ als Modell, seit 2011 Fortführung auf Grundlage der bisherigen Richtlinien
  • 2008: Einführung inklusive Schule
  • 2004 – 2013: Ein drittel der niedersächsischen Grundschulen wurden auf Antrag Ganztagsschulen

Parallel dazu

  • stellt die rasante Entwicklung der neuen Medien eine beständige Herausforderung dar: Zeugnisprogramme, Homepage der Schule, Whiteboard ….. und ohne Berücksichtigung in der Stundentafel die Vermittlung von Medienkompetenz an die Schüler
  •  gibt es immer höhere Erwartungen an Schule in Bezug auf Gesundheitsförderung und Prävention
  • stehen die Lehrkräfte vor immer höheren Anforderungen bei der Vermittlung von Sozialkompetenzen

Wurde von den Gewerkschaften zu Protestaktionen oder Demonstrationen aufgerufen war von KollegInnen nicht selten zu hören, dass sie leider nicht teilnehmen könnten, weil gerade an diesem Tag Konferenzen, Elternversammlungen, Klassenfeiern oder Ausflüge stattfänden, oder dringend Klassenarbeiten korrigiert werden müssten.
Nun haben Grundschulkollegien einen terminunabhängigen Weg des Protestes gewählt, denn das Maß ist voll. Die zwei großen Herausforderungen, die derzeit zu stemmen sind – Inklusion, Ganztagsschule - haben wohl das Fass zum Überlaufen gebracht – und so rollt eine nicht endende Protestwelle – in Richtung Schulhauptpersonalrat und GEW mit Bitte um Unterstützung, aber auch in Richtung Kultusministerium als zuständigem und verantwortlichem Adressaten.

Aus dem Bereich Walsrode hatten sich anfangs rund 20 Grundschulen vernetzt und systematisch und detailliert die Belastungen aufgelistet, die sie tagtäglich bewältigen müssen, aber nicht mehr adäquat bewältigen können. Die KollegInnen wollen ihre Arbeit gut und umfassend machen, deshalb finden sich in ihren Briefen nicht nur Forderungen sondern auch Vorschläge zur Entlastung.
(s. nebenstehenden Kasten).
Seitdem schließen sich dem Protest immer mehr Grundschulkollegien aus den Regionen Weser-Ems, Lüneburg und Hannover an, ganz aktuell auch aus dem Bereich Göttingen, so dass allein dem Schulhauptpersonalrat inzwischen rund 50 Briefe vorliegen.

Im Kultusministerium nimmt man die dort eingehenden Schreiben abwartend entgegen. Sie sollen zunächst gesammelt werden um zu sehen, ob ihre Anzahl im Verhältnis zur Zahl der bestehenden Grundschulen zu einer bedeutsamen Größe werden. Bis jetzt scheinen die Verantwortlichen darauf zu hoffen, dass die Beschwerden prozentual gesehen in einem Bereich bleiben, in dem man sie als Problem der einzelnen Schule darstellen und sich weiterhin der Erkenntnis verweigern kann, dass für das System Grundschule generell dringend Lösungen gefunden werden müssen.
Bislang wurde – bei aller Einsicht, dass die Grundschulen am Rande der Belastbarkeit arbeiten - auf die Finanzen verwiesen, und darauf, dass trotz der großen Aufgaben, die zu bewältigen seien, doch das Optimale für die Schülerinnen und Schüler erreicht werden solle.

Für KollegInnen die überlastungsbedingt von Krankheit ( Burn out-Symptome, Schlafstörungen, Erschöpfungszustände u.v.m.) bedroht sind wirkt es zynisch, wenn vom Ministerium erhebliche finanzielle Mittel für verhaltensorientierte Maßnahmen zur Verfügung gestellt werden, für die Veränderung der Verhältnisse kein Geld zur Verfügung steht.
Es offenbart schon eine seltsam verzerrte Wahrnehmung der (Grundschul-)Realität, wenn man meint, für die Kinder Gutes erreichen zu können, indem man gleichzeitig die Arbeitssituation der mit ihnen in enger Beziehung stehenden Lehrkräfte rücksichtslos weiter und weiter verschlechtert.

Um den Blick zu klären hier in aller Kürze Belastungen und Möglichkeiten der Entlastung:

  • erhöhten Zeitaufwand für Vor- und Nachbereitung individualisierter Lernformen,
  • erhöhten Zeitaufwand für diagnostische Verfahren, Dokumentation und Gutachten,
  • erhöhten Zeitaufwand für fachfremden Unterricht

ausgleichen durch Verringerung der Pflichtstundenzahl !

  • Belastung durch Ämterhäufung (Klassenlehrerschaft, Fachkonferenzleitung, Arbeitsgruppen …)
  • Belastung durch Vernetzung mit anderen Institutionen (KiTa, Fö-Schulen, Therapeuten, Jugendamt …)
  • Belastung durch Beratungsgespräche mit Fö-Lehrkräften, Eltern

ausgleichen durch Anrechnungsstunden !

  • Belastung durch Zunahme erzieherischer Aufgaben
  • Belastung durch Anstieg von Verhaltens- und Sprachauffälligkeiten, Konzentrationsstörungen
  • Belastung durch ansteigende Zahl jüngerer, häufig sozial-emotional und kognitiv überforderter Kinder

ausgleichen durch verlässliche Doppelbesetzung !

insgesamt Entlastung durch Wiedereinsetzen der Altersermäßigung ab 55 !

 

Ilonka Bruhn