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Zweigliedrigkeit

Antrag der Fachgruppendelegiertenkonferenz der FG Grund- und Hauptschulen am 16. und 17. November 2006 an den Landesvorstand, bzw. Geschäftsführenden Vorstand, an den Hauptvorstand (Ref. AS) und an die Bundesfachgruppe HS

Die Zweigliedrigkeit als tragbares Konzept für eine Schulreform wird abgelehnt. Die FG fordert den Landesvorstand auf, sich für die Auflösung des vertikal gegliederten Schulsystems bis einschließlich der 10. Klasse einzusetzen.

Begründung:

Der Weg zu einer Schuler für alle Kinder kann nicht über die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule bei Beibehaltung des Gymnasiums erfolgen. Auch die Beibehaltung der Förderschulen wird eine Inklusion auf mittlere und lange Sicht unmöglich machen. Ebenso hat sich der Weg über Kooperative Schulformen als der falsche erwiesen.

Jede Art von Kooperation hat bis heute nur zu getrennten Schulformen unter einer gemeinsamen Organisation und nicht zu einer wirklichen Integration geführt. Schüler sind weiterhin abgeschult worden.

Die zurzeit mögliche organisatorische Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist purer Pragmatik geschuldet. Speziell in den Städten fehlen schlicht die Schüler und Schülerinnen an den Hauptschulen, teilweise auch an den Realschulen, vor allen Dingen in den 5. Klassen. Die geplanten und auch durchgeführten Zusammenlegungen dieser beiden Schulformen führen in der Regel zu einer kooperierten Haupt- und Realschule, die sich als zwei getrennte Schulformen unter einem organisatorischen Dach erweisen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Eltern bei Wahlmöglichkeit auch diese kombinierten Systeme abwählen.

Wirkliche Integration muss alle Schulformen der Sekundarstufe I umfassen. Dies schließt die Einbeziehung der Sekundarstufe II in einem weiteren Schritt nicht aus. Mit der Sekundarstufe II ist in diesem Fall nicht nur die gymnasiale Oberstufe, sondern auch die Berufsausbildung gemeint. Zumal mittlerweile allen bewusst sein sollte, dass weniger als 50% der Berufsausbildung noch im Dualen System erfolgt.

International hat sich das integrative Schulsystem als das klar erfolgreichere erwiesen. Es ist sicher an dieser Stelle überflüssig, die entsprechenden Pisa-Ergebnisse zu zitieren. Klar hat uns Pisa auch gemacht, dass wir in Deutschland kein Haupt- oder Realschulproblem haben, sondern ein Gymnasialproblem.
Das schichtspezifische Ausdifferenzieren in der deutschen und niedersächsischen Schulstruktur hat nicht den eigentlich zu erwartenden Erfolg mit den entsprechenden Spitzenplätzen der am Gymnasium unterrichteten Mittel- und Oberschichtkinder gebracht. Ohne die Auflösung des Gymnasiums werden wir in Deutschland kein integriertes Schulsystem erhalten, das den internationalen Anforderungen genügen kann.

Das politische Argument, dass ein integratives Schulsystem viel zu teuer sein würde, ist bisher nicht bewiesen. Allein die Auflösung der Orientierungsstufe, einem integrativen Schulsystem, die ja ausschließlich eine politische Entscheidung war, hat weit mehr als tausend zusätzliche Lehrer- und Lehrerinnenarbeitsplätze gekostet.

Mithin liegt die Vermutung nahe, dass ein integratives Schulsystem durchaus nicht teurer sein muss als ein ausdifferenziertes. Selbst wenn kurzfristig höhere Kosten entstehen, sind keine Berechnungen mit einer Langfristperspektive bekannt. Der Erhalt kleiner Schulen in einem Flächenland dürfte auf Dauer unverhältnismäßig teurer sein, als der Aufbau eines integrativen Schulsystems. Der volkswirtschaftliche Nutzen einer verbesserten Bildung für alle Kinder ist dagegen erheblich.

Ein Flächenland wie Niedersachsen kann auf Dauer nur mit einem integrierten Schulsystem effizient die Ziele erreichen, die sich die Politik gesteckt hat und die für unser wirtschaftliches Vorankommen unabdingbar sind.

Da Bildung aber nicht nur ein Wirtschaftsfaktor ist, sondern wichtiger weise auch für den sozialen Ausgleich und den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft mit verantwortlich, ist ein integratives Schulsystem unverzichtbar.

Die Abkehr von der Konkurrenzgesellschaft und die Hinwendung zu einer Konsensgesellschaft sind mittelfristig unverzichtbar, um den sozialen Frieden zu erhalten.